Videos anschauen, Messengerdienste nutzen, E-Mails schreiben oder Büroarbeiten erledigen – fast könnte man meinen, beim Projekt Fahrerkabine 4.0 ist nichts unmöglich. Aber Scherz beiseite – Hauptziel des Projekts ist es, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der die Fahrer auch in Zukunft zufrieden sind und möglichst effizient arbeiten können. Dabei ist die Ausgangssituation v. a. davon geprägt, dass die Automatisierung von Maschinenfunktionen insbesondere bei den Mähdreschern weiter zunimmt. Doch damit geht auch einher, dass die Fahrer immer weniger zu tun haben, sodass sie müde werden oder sich unterfordert fühlen könnten. Deshalb geht das Projekt der Frage nach, wie die Kabine gestaltet sein sollte, damit die Fahrer zusätzlich zu ihren Hauptaufgaben auch andere Tätigkeiten ausüben können.
Praxis befragt
Im ersten Projektabschnitt führten die Entwickler zahlreiche Interviews mit Mähdrescherfahrern, Betriebsleitern und Lohnunternehmern durch. Außerdem erfolgten Videoanalysen und CAN-Bus-Untersuchungen an Mähdreschern, während sie im Ernteeinsatz waren. Aus diesen Informationen konnten typische Fahrerprofile (z. B. Fahrer, Betriebsleiter, Lohnunternehmer) abgeleitet werden. Zum anderen ergab sich daraus, welche alternativen Tätigkeiten für die jeweiligen Fahrertypen in der Kabine sinnvoll sind.
Im zweiten Projektabschnitt erfolgte die Entwicklung einer völlig neuen Kabinenausstattung, die anschließend als „Demonstrator“ bzw. Prototypen-Kabine auch praktisch realisiert wurde. Darüber hinaus wurden Algorithmen entwickelt, um dem Fahrer zur richtigen Zeit die richtigen Handlungsempfehlungen geben zu können. Aus heutiger Sicht mutet die neue Ausstattung futuristisch an, denn sie umfasst u. a. verschiedene Kameras, Displays, Monitore, Scheibenprojektionen, eine Tastatur mit Mousepad sowie eine Internetanbindung. Der Fahrersitz lässt sich weit nach links und rechts verschwenken. Damit die Sicht nach vorne nicht behindert wird sowie für mehr Beinfreiheit gibt es Lenksäule und Lenkrad nicht mehr. Stattdessen befindet sich an der linken Seite des Fahrersitzes eine Armlehne mitsamt Joystick, über den die Maschine gesteuert wird. Zusätzlich zu Touchmonitoren an beiden Armlehnen gibt es eine mobile Computer-Tastatur, die nach Bedarf zwischen linker und rechter Armlehne eingelegt werden kann. Auch ein Sprachassistenzsystem ist installiert.
Das Zusammenspiel der Komponenten
Ist die Erntemaschine im Feldeinsatz, so wird mithilfe eines Eye-Trackers (Blickerfassungssystem) am Kabinendach und einer Fitnessuhr am Fahrerhandgelenk erfasst, wie stark der Fahrer beansprucht wird. Ist er gerade dabei, das Vorgewende zu bearbeiten? Oder fährt er gerade über lange Bahnen das Feld rauf und runter und wird nur wenig beansprucht? Wenn das System eine geringe Beanspruchung erkennt, dann macht es dem Fahrer Vorschläge, was er alternativ tun könnte. Bei Müdigkeit etwa wird ihm empfohlen, mit dem Fahrersitz vom Arbeitsmodus (aus der Geradeausrichtung) nach links in den sogenannten Entspannungsmodus zu wechseln. Dort kann er nicht nur Bewegungsübungen machen, sondern auch per Internet sowie ein in die linke Seitenscheibe projiziertes Scheibendisplay Videos anschauen, private Informationen abrufen, Messengerdienste nutzen und vieles mehr.
Bei einer Unterforderung hingegen bekommt er die Empfehlung, sich mit dem Fahrersitz nach rechts in den Büromodus zu drehen. Diese Position kann er quasi als vollwertigen Büroarbeitsplatz für all die Dinge nutzen, die er ansonsten erst nach Feierabend erledigen könnte (z. B. elektronische Kommunikations-, Büro- oder Kontrollarbeiten). Sämtliche Empfehlungen und Informationen erhält der Fahrer über das Sprachassistenzsystem, mit dem er auch selber per Sprache kommunizieren kann. Natürlich ist es immer freiwillig, ob der Fahrer die Empfehlungen dieses „Scouts“ tatsächlich annimmt.
Vorfeldüberwachung
Voraussetzung dafür, dass die verschiedenen Features der Fahrerkabine 4.0 tatsächlich genutzt werden können, ist eine automatische Vorfeldüberwachung an der Maschine. Diese Automatik erkennt, ob Hindernisse oder andere Störfaktoren auf die Maschine zukommen. Das ist deshalb wichtig, weil das System dem Fahrer ja auch immer Hinweise geben muss, wenn er vom Entspannungs- bzw. Büromodus wieder in den Arbeitsmodus wechseln muss, um in die Steuerung der Maschine einzugreifen. Bis eine praxisreife Vorfeldüberwachung verfügbar ist, dürfte es allerdings noch eine gewisse Zeit dauern.
Fünf Projektpartner
Das Projekt zur Entwicklung der Fahrerkabine 4.0 wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Förderrichtlinie „Agrarsysteme der Zukunft“ gefördert. Insgesamt sind fünf Institutionen bzw. Unternehmen an der Entwicklung beteiligt: Das Karlsruher Institut für Technologie (Institut für Arbeitswissenschaft und Betriebsorganisation sowie Institutsteil Mobile Arbeitsmaschinen), das Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim, die InMach Intelligente Maschinen GmbH, die Budde Industrie Design GmbH und die Claas Selbstfahrende Erntemaschinen GmbH.
Die Studie sieht u. a. eine Joysticklenkung vor, und dass der Fahrer über Displayfolien auf den Kabinenscheiben Informationen abrufen kann.




