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Über CLAAS

Eine Familie von Pionieren.

Vor 1913.

Vorgeschichte – Eine Familie von Pionieren.

Wilhelm II. regierte noch als letzter deutscher Kaiser in Berlin, als August Claas 1913 in der westfälischen Provinz ein Gewerbe beim Amt in Herzebrock anmeldete – die Geburtsstunde einer großen Idee. Erfindergeist, Weltoffenheit und Beharrlichkeit sind jene Eigenschaften, die aus einem Familienbetrieb innerhalb eines Jahrhunderts ein Weltunternehmen formten. Doch die sprichwörtliche Technikbegeisterung von Bernhard, August, Franz und Theo, den vier Brüdern Claas, wurde bereits eine Generation zuvor gelegt, durch Vater Franz Claas sen.

Wie muss man sich das Leben in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts eigentlich vorstellen – genauer gesagt im ländlichen Westfalen? In Berlin herrschte Wilhelm I. als Kaiser, und sein Kanzler Otto von Bismarck mühte sich, aus vielen kleinen Staaten allmählich eine deutsche Nation zu formen.

 

Was sich in der Provinz abspielte, erzählen uns weniger die Geschichtsbücher als jene alten braunen Fotografien und Postkarten, die alle Eskapaden der Zeitläufe überstanden haben. Sie zeigen Szenen auf kleinen Höfen mit soliden Fachwerkbauten. Oftmals Arbeits- und Ernteszenen mit Pferdefuhrwerken, Heuwagen und staubigen Feldwegen als Kulisse. Die Menschen blicken misstrauisch in die Linse der ersten Stativkameras. Die Männer haben dicke Schnauzbärte und tragen Hüte, die Frauen eine dunkle Schürze vor dem schwarzen Kleid. Das Kennzeichen der oftmals barfuß laufenden Kinder scheinen durchweg runde Gesichter und abstehende Ohren zu sein. Diese Menschen in Schwarzweiß scheinen sich für diesen einen Kameraaugenblick kurz auszuruhen von schwerer Arbeit auf dem Feld.
 

Franz Claas Senior (um 1925)

Die Landwirtschaft prägte Westfalen seinerzeit. Die Beharrlichkeit seiner Bewohner, die Einführung des Mineraldüngers und die Entwicklung der Landtechnik führte die Region selbst bei schlechten Böden allmählich zu ökonomischer Blüte. Wo immer es ging, versuchte man mit einfachen mechanischen Hilfen die Arbeit zu erleichtern. So auch Franz Claas sen., der 1859 in einer kleinen Bauernschaft namens Heerde in der unmittelbaren Nähe von Harsewinkel zur Welt kam.

 

Er war – so würde man heute wohl sagen – ein Technik-Fan, und er hatte ein großes praktisches Talent. Zudem zeigte er sich vielseitig interessiert. Mit simplen Werkzeugen stellte er für sich und seine Klassenkameraden Spielzeuge her, beispielsweise auf einer recht primitiven Drehbank aus Holz gefertigte kleine Drehkreisel.

Bloß „dummes Zeug“, Spinnereien waren diese Ambitionen des Sprösslings aus Sicht der Eltern. Für die kleine Landwirtschaft und den Hof von etwa zwölf Hektar Größe war so viel technische Fantasie eigentlich überflüssig. Tierarzt hätte er auf Wunsch seiner Eltern Heinrich und Katharina Claas werden sollen. Doch ohne höhere Schule und Studium war daran natürlich nicht zu denken. Dann aber sollte es zumindest eine andere quasi tiermedizinische Ausbildung sein: Tierheilkundiger. Das war seinerzeit bei Bauern, Hirten und Jägern ein sehr angesehener Beruf.

Eine Vorliebe für Landtechnik.

 

Als 14-Jähriger trat Franz Claas dann bei einem Tierarzt im münsterländischen Glandorf seine Lehre an, der typisch westfälische Name des Lehrherrn lautete: Dr. Kaspar Steinkühler.
 

Das Gebiet der Tiermedizin gerade in Verbindung mit der Landwirtschaft interessierte ihn sehr. Doch noch etwas hatte seine Aufmerksamkeit geweckt: die benachbarte Schmiede. Oft war Franz dort zu Besuch, wo der Schmiedemeister und spätere Freund Spezialhufeisen für behinderte Pferde anfertigte. Der Hufschmied zeigte Franz, wie man auch grobe Schmiedearbeit mit filigraner Technik und sogar mit der Tiermedizin verbinden kann. Und er weckte bei Franz noch größeres Interesse an der Landtechnik. Die Funktionsweise einfachster Dreschmaschinen beispielsweise, die von menschlicher oder tierischer Kraft angetrieben wurden, fand der junge Mann hochspannend.
 

Haus von Dr. Kaspar Steinkühler, in dem Franz Claas Senior seine Ausbildung absolvierte (um 1875)

Die Lehrjahre wurden überschattet durch den frühen Tod seines Vaters. Nach abgeschlossener Lehre als Tierheilkundiger ging Franz zurück auf den elterlichen Hof. Die Bewirtschaftung des kleinen Betriebes erforderte viel Kraft und Mühe. Doch voller Tatendrang arbeitete Franz Claas auch in seinem frisch erlernten Beruf als Tierheilkundiger. Er hielt im Bereich Clarholz und Harsewinkel seine Sprechstunden ab, besuchte die Höfe der Umgebung und war allseits angesehen und beliebt. Deutlich schwächer ausgeprägt als seine technische und tiermedizinische Begabung war sein kaufmännisches Talent.

 

Franz war ein Tüftler und Bastler – etwas Greifbares zu erfinden lag ihm viel näher, als diese Ideen gewinnbringend zu vermarkten. Immer wieder, so sagen alte Berichte, war es ihm unangenehm, für seine Arbeit Geld zu nehmen oder Rechnungen zu schreiben, selbst wenn er auf den Bauernhöfen lahmende Pferde wieder zum schmerzfreien Laufen brachte.

Milchzentrifugen als Vorboten moderner Technik.


Und so war es für Franz Claas hochwillkommen, dass er in den 1880er-Jahren endlich etwas mehr Gelegenheit hatte, seine Leidenschaft für Technik und landwirtschaftliche Apparate in die Tat umzusetzen. Auf dem elterlichen Hof richtete er sich eine eigene Werkstatt ein und schraubte, sägte und montierte praktisch jede freie Minute, und das sogar mit einsetzendem wirtschaftlichen Erfolg. Im Jahre 1887, als zum Beispiel der Schweizer Industrielle Julius Maggi mit der Produktion von Suppenwürze begann, sorgte ebenfalls eine sogenannte neue „Kunstbutter“ für Aufmerksamkeit: Margarine.


Just in dieser Zeit brachte Franz Claas seine erste handgetriebene Milchzentrifuge auf den Markt für den bäuerlichen Betrieb. Einfach in der Mechanik, mit einer Drehkurbel an einem Bottich, trennte man die Sahne von der Milch. Die Zentrifugentechnik hatte bis dahin ihren Platz vor allem in Molkereien.


Die Claas’sche Maschine funktionierte hervorragend. Entsprechend groß war die Nachfrage. Bestellungen für die kleine Milchzentrifuge kamen dabei nicht nur aus der Region. Es entwickelte sich in kleinen Ansätzen schon so etwas wie Export: Ausgewanderte deutsche Bauernfamilien bestellten die Entrahmungsmaschinen sogar aus Amerika.

Milchzentrifugen der Firma Franz Claas Senior: Erstes Modell und Weiterentwicklung (1887-1900)

Werbung für Milchzentrifugen der Centrifugenfabrik Franz Claas, Clarholz (1887)

Ein erstes Patent erhielt Franz Claas für seine Triumph-Zentrifuge. Seine Angebotspalette umfasste zunehmend Maschinen für alle Leistungsklassen: von 80 Litern bis zu 170 Litern verarbeitete Milch pro Stunde. Und dennoch beendete Erfinder Franz Claas nach einigen Jahren seine zwischenzeitlich so erfolgreiche Zentrifugen-Produktion, denn mittlerweile hatten sich aufgrund der großen Nachfrage viele kleine Manufakturen entwickelt, ein wachsender Konkurrenzdruck war die Folge.


Franz Claas hielt sich aus diesem Wettstreit lieber heraus. Wie gesagt: Marketing und Vertrieb waren nicht seine Stärke, zudem faszinierten ihn ganz andere Maschinen, anspruchsvollere. Mähmaschinen hatten die Aufmerksamkeit des Technik-Genies geweckt. Die ersten Mähapparate aus amerikanischer Produktion fanden anno 1890 den Weg in die westfälische Provinz.

Vordenker bei Erntemaschinen.

Einer der ersten Strohbinder von Franz Claas Senior: Hier auf dem damaligen Hof der Familie Claas (um 1900)

Franz Claas verbesserte die Konstruktion der Mähmaschinen ganz erheblich und präsentierte nach nur einem Jahr Entwicklung den Prototypen eines Getreidemähers mit neu entwickelter Ablegevorrichtung – und erhielt für seine Konstruktion sogar ein Patent. An die 600 Exemplare produzierte Franz Claas mit seinen Mitarbeitern im Laufe der kommenden Jahre von diesem Erstlingswerk.


Sein Interesse galt auch der Antriebstechnik von Dreschmaschinen. Vor allem der Göpeltechnik, wo die Kraft durch Pferde oder Ochsen erzeugt wird, die im Kreis laufend die Mechanik in Schwung halten. Kartoffelrodern wandte sich Franz Claas später ebenfalls zu.

Patenturkunde des Kaiserlichen Patentamtes für den ersten Strohbinder (1900)

Um die Jahrhundertwende kamen die ersten mechanischen Strohbinder aus England auf den Kontinent. Das waren Maschinen, die hinter den stationären Dreschmaschinen aufgestellt wurden und das ausgedroschene Stroh zu handlichen Bunden formten und zusammenschnürten. Die Logistik, also die Lagerhaltung und der Transport des Rohstoffs Stroh, verbesserte sich dadurch ganz erheblich – würde man es heute formulieren.
 

Franz Claas machte sich sofort an die Weiterentwicklung dieser Maschinen. Im Jahre 1907 kamen die ersten Konstruktionen auf den Markt. Ihr Schwachpunkt war die Unzuverlässigkeit des Knüpfapparates, des Kernstücks der Maschine. Bei Kälte streikten sie oftmals. Schob man allerdings die Maschine nachts in den warmen Kuhstall, dann gab es kaum Schwierigkeiten. „Libbethken“ hießen die Strohbinder im Volksmund – ein Kosewort für den Mädchennamen Elisabeth. Die Strohbinder galten eben als so sensibel wie ein junges Mädchen.