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#AgriCulture

 

Who cares? Wie Gleichberechtigung auf dem Hof gelebt wird. 

Als Mann mit dem Baby im Tragetuch durch das Dorf spazieren, das ist auf dem Land ein seltener Anblick, weiß Julius Jacobi. Der Bio-Bauer, 33 Jahre, gehört einer neuen Generation an. Mit seiner Frau Kate hat er zwei Söhne. Und betreibt einen Hof. In dieser Reihenfolge, das ist ihm wichtig. Kate und Julius wollten eine klare Aufteilung bei der Verteilung von Care-Arbeit, also dem Wer-Macht-Was im Haushalt und bei der Pflege der Kinder. Jeder macht die Hälfte. Doch sie merken: Manchmal kommt das Leben auf dem Hof dem Gleichberechtigungsideal in die Quere.

„Diese Rollenverteilung, Mann macht den Hof, Frau macht den Haushalt und die Kinder, die wollten wir nie“, erinnert sich Julius. Er sitzt mit seiner Frau Kate im Innenhof des Bio-Betriebs im nordrhein-westfälischen Dorf Borgentreich-Körbecke. Auf dem Trampeltrecker fährt der vierjährige Joost der Katze hinterher; Baby Jesse, drei Monate, macht neben der Familie Mittagsschlaf. 

 

Seit zehn Jahren ist Kate mit Julius zusammen. Früher führte sie ein urbanes Leben: Bürojob als Mediengestalterin, gutes Einkommen, Urlaub, Lohnfortzahlung bei Krankheit, Wohnung in Osnabrück, das volle Programm Stadtleben mit Anfang 20. 

Frauen leisten mehr unbezahlte Care-Arbeit

 

Dann ploppt Julius‘ Konterfei in einer Dating-App auf. Und ihr Leben ändert sich: Kate macht ein freiwilliges ökologisches Jahr, merkt sofort: Der Hof, das ist was für sie. Und für Julius. Im Sommer 2020 übernehmen sie den Betrieb von seinen Eltern Josef Jacobi und Heike Schäfer-Jacobi. Schon 1980 stellte Papa Josef die ersten Flächen auf Bio-Landwirtschaft um. Seitdem steht die nachhaltige Landwirtschaft im Fokus des Betriebs. Seit mehr als 30 Jahren macht Heike aus der hofeigenen Kuhmilch handwerklich hergestellten Käse. 

Fakt ist: Frauen in Deutschland übernehmen weiterhin deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Das geht aus einer großen Studie des Statistischen Bundesamtes für 2024 hervor. Frauen widmen sich im Durchschnitt rund 44 Prozent länger der Care-Arbeit, also der Sorgearbeit. Übersetzt heißt das: Jeden Tag übernehmen Frauen täglich eine Stunde und 17 Minuten mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Fakt ist auch: Der Unterschied schrumpft ganz langsam. Vor einem Jahrzehnt lag der Unterschied noch bei 52 Prozent. Die Lücke schließt sich also, bleibt jedoch weiterhin erheblich.

Julius kocht, putzt und wickelt 

 

„Mein Vater war beim Bio-Anbau Vorreiter“, sagt Sohn Julius heute stolz. Bei der Verteilung der Familienaufgaben ging es damals noch traditioneller zu: „Papa hat den Hof gemacht, Mama Haushalt, Kinder und die Käserei“. Julius und Kate wollen es anders machen. Sie pochen auf Gleichberechtigung. Julius kocht, putzt, trägt und wickelt die Kinder – „selbstverständlich“, wie er sagt. Morgens nimmt er sich die Quality time mit den Kleinen, bis der Große zum Kindergarten muss. Nachmittags nimmt er sich immer mal eine Stunde, in der er bewusst mit seinen Söhnen spielt und den Hof mal Hof sein lässt. „Aber wirklich fifty-fifty ist es nicht“, sagt Julius. Das liegt auch daran, dass er jetzt Betriebsleiter ist.

„Das ist schon ein ordentlicher Mental Load, die Care-Arbeit, der Haushalt und gleichzeitig der Betrieb, oft klingelt Julius‘ Handy, immer braucht einer der Mitarbeitenden etwas …“, zeichnet Kate das Bild ihres Familienalltags. Die junge Mutter nennt die geistige Mehr- und Überbelastung „Mental Load“, mit dem Anglizismus passt sie in ihre Generation. 

Zur modernen Familie gehört der Online-Auftritt 

 

Denn die Mama, die kümmert sich nicht nur um die Kinder, sie ist verantwortlich für den Social-Media-Auftritt des Biohofs. „Dort zeige ich mehr als nur Landwirtschaft, ich will das Leben auf dem Hof dokumentieren“, sagt Kate, mit allem, was dazugehört. Den Kindern zum Beispiel. „Wir standen vor den gleichen Fragen wie alle Eltern heutzutage: Zeigen wir die Kinder im Internet? Wie zeigen wir sie? Wie nah zeigen wir sie?“ 

 

Joost und Jesse kommen auf dem Insta-Feed vor, stehen aber nie im Mittelpunkt. Denn im Zentrum des Social-Media-Auftritts steht das echte, ehrliche Leben auf dem Biohof, mit allen Aufs und Abs. „Dazu gehören auch unsere 50 Kühe“, erklärt Kate. Auf dem Hof wachsen 40 Sorten Getreide und Leguminosen, die Saatgutvermehrung ist eine wichtige Einnahmequelle. „Dafür sind wir auf Mist, Gülle und Jauche angewiesen“, sagt Julius. „Die Tiere sind unersetzlich für den ökologischen Kreislauf“, erklärt er. Nur dann ist Bio auch Bio. In der vielgliedrigen Fruchtfolge des Hofs wächst Kleegras als Futter, aus der Milch wird Käse für die Hofeigene Käserei – und am Ende erzeugt der Hof eben Fleisch.

 

Egal wie nachhaltig und öko die Landwirtschaft auch ist, Kritiker finden sich immer. Vor allem auf Social Media. Das haben die Jacobis schnell gemerkt: „Vor einiger Zeit sind unsere Beiträge in Veganer-Foren gelandet“, erinnert sich die Bio-Bäuerin. Die Folge: Kommentare, Nachrichten, Ein-Sterne-Bewertungen auf Google. Hass, Angriffe, Wut. Die Wucht der Angriffe ist Kate unverständlich, der Hintergedanke ist der engagierten Bio-Bäuerin aber bekannt. „Ich habe viel Verständnis für Tierliebe. Aber viel besser als wir kann man Nutztiere nicht halten“, sagt Kate. Der letzte Weg zum Schlachter falle ihr jedes Mal sehr schwer. „Wir bringen jede Kuh, die wir selbst über unseren Hofladen vermarkten, persönlich zum Schlachter, das ist uns wichtig, auch wenn das jedes einzelne Mal wieder richtig schwerfällt“, sagt Kate leise. 

Idealismus reicht auf Social Media nicht

 

Denn auch sie ist ein bisschen Aktivistin. „Wir sind Idealisten“, sagt Kate. Seit vier Jahren behält der Hof alle männlichen Kälber, die wie alle anderen auch an Ammenkühen groß werden dürfen. „Wir versuchen die beste artgerechte Nutztierhaltung umzusetzen, die in unserem Betrieb möglich ist.“ Dazu: Tretmist- und Offenstall, Weidegang, Gras vom eigenen Feld. 

Aufklärungsarbeit betreibt die Familie mit dem Insta-Kanal dann auch: „Manche wissen nicht, dass tierischer Dünger notwendig ist, um Böden fruchtbar zu halten und den vielseitigen Anbau von Getreide und Gemüse möglich macht. Und der stammt nun einmal von den Kühen, Schweinen und Hühnern“, sagt Kate. 

 

Die Kinder, da sind sich beide einig, sollen am Ende eine normale Kindheit erfahren, mit Mama, Papa, Oma und Opa. Und mit Kühen, viel Platz, frischer Luft. Ob’s da überhaupt mal langweilig wird für die Kleinen? „Am Anfang der Saison will Joost immer mit mir auf dem Mähdrescher mitfahren”, erzählt Julius stolz, so kann er Kate zu etwas Freizeit verhelfen.  Aber Kinder sind Kinder. „Irgendwann ist Mario Kart auf der Spielkonsole spannender”, sagt er und lacht.